Jeden Tag erzählen Sanna und Kalle eine kleine Geschichte – über Farbe, übers Handwerk oder über unsere Region rund um Itzehoe. Reihum, damit sich nichts vor zwei Wochen wiederholt. Hier stehen alle 24, in Ruhe zum Nachlesen.
Wo Pigmente herkamen, was sie kosteten – und was in ihnen steckte.
Ultramarin wurde aus Lapislazuli gemahlen, einem Halbedelstein, der nur aus Afghanistan kam. Das Pigment war zeitweise teurer als Gold. In alten Verträgen stand deshalb ausdrücklich drin, wer das Ultramarin bezahlt – der Maler oder der Auftraggeber. Deshalb trägt Maria auf alten Bildern so oft Blau: Die teuerste Farbe war für die wichtigste Figur reserviert.
Vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert gab es ein Pigment namens Mumienbraun – hergestellt aus zermahlenen ägyptischen Mumien, zusammen mit Bitumen und Harzen aus der Einbalsamierung. Maler schätzten den warmen, leicht durchscheinenden Ton für Schatten und Lasuren. Erzählt wird, dass mancher Maler sein Bild vergrub, als er erfuhr, woraus die Tube wirklich war.
Echter Purpur wurde aus Meeresschnecken gewonnen. Für wenige Gramm Farbstoff brauchte man Tausende Tiere. Purpur war deshalb nicht aus Geschmack den Herrschern vorbehalten, sondern aus Kosten – niemand sonst konnte ihn bezahlen.
Preußischblau entstand Anfang des 18. Jahrhunderts in Berlin durch einen Fehlversuch: Ein Farbenmacher wollte einen roten Farbstoff herstellen und benutzte verunreinigte Zutaten. Heraus kam ein tiefes Blau – das erste moderne künstliche Pigment. Auf einmal konnte sich Blau jeder leisten.
Über Jahrhunderte war Bleiweiß das beste Weiß, das es gab: deckend, haltbar, leuchtend. Es war auch giftig. Maler und Anstreicher erkrankten daran, lange bevor jemand den Zusammenhang verstand. Heute ist es im Handwerk verboten – wer eine Dose Wandfarbe aufmacht, hält etwas in der Hand, das früher Leute krank gemacht hat.
Ocker ist schlicht eisenhaltige Erde – und das älteste Pigment der Menschheit. Rot, Gelb, Braun, je nach Boden. Die Farben in den Steinzeithöhlen sind deshalb bis heute da: Erdpigmente bleichen nicht aus. Manches moderne Pigment hält keine zwanzig Jahre in der Sonne.
Schweinfurter Grün war ein leuchtendes Grün auf Arsenbasis, im 19. Jahrhundert beliebt für Tapeten und Anstriche. Dass Menschen in solchen Räumen krank wurden, ist belegt.
Werkzeuge, Wörter und Bräuche – und woher sie wirklich kommen.
Im Bleistift steckt Graphit, kein Blei. Der Name blieb hängen, weil man das schwarze Mineral früher für eine Bleiart hielt. Der Zimmermannsbleistift ist flach, damit er auf dem Balken nicht wegrollt – und weil die breite Mine auf rauem Holz nicht abbricht.
Der Farbroller wurde 1940 vom Kanadier Norman Breakey erfunden. Er hatte kein Geld, um ihn in größerer Zahl zu bauen, und fand keine Geldgeber. Andere bauten den Roller nach und verdienten daran. Breakey selbst starb ohne Vermögen. Jeder Maler der Welt benutzt heute sein Werkzeug.
Der Evangelist Lukas gilt als Schutzpatron der Maler – der Überlieferung nach soll er selbst gemalt haben. Seit dem 15. Jahrhundert schlossen sich Maler, Bildschnitzer und Buchdrucker deshalb in Bruderschaften zusammen, die seinen Namen trugen: Lukasgilden. Wer dazugehörte, durfte Aufträge annehmen und Lehrlinge ausbilden.
Kalkfarbe trocknet nicht einfach – sie nimmt Kohlendioxid aus der Luft auf und wird dabei chemisch wieder zu Kalkstein. Die Farbschicht verwächst mit dem Untergrund, statt als Film darauf zu liegen. Deshalb halten alte Kalkanstriche auf Fassaden jahrzehntelang, und deshalb schimmelt es darunter so selten: Kalk ist stark basisch, da wächst nichts.
Wandergesellen ziehen drei Jahre und einen Tag durchs Land und dürfen sich dabei ihrem Heimatort nicht näher als fünfzig Kilometer nähern. Sie tragen Kluft, schlagloses Hemd und Stenz, nehmen kein Geld fürs Schlafen und kommen ohne Handy aus. Es gibt sie bis heute, auch im Malerhandwerk – und wer einem begegnet, erkennt ihn sofort.
Bevor es Papier an der Wand gab, hängten Wohlhabende Teppiche und Stoffbahnen auf – gegen Kälte und gegen den nackten Stein. Daher das Wort: Tapete kommt vom Teppich. Die Papiertapete war später die günstige Nachahmung für alle, die sich keinen Wandteppich leisten konnten.
So erzählt man es sich: Beim Blaufärben mit Waid mussten die Stoffe an der Luft liegen, damit sie blau wurden – und die Färber hatten an dem Tag wenig zu tun, sie „machten blau".
Sagen und belegte Geschichte rund um Itzehoe, Wilster, Krempe und Glückstadt – mit Quelle.
Der Sage nach liegt östlich vom Lockstedter Lager eine Senke in Form einer riesigen Fußspur – die Riesenspur. Eine zweite gibt es bei Neumühlen, nördlich von Mühlenbarbek. Beide sollen von einem Riesen stammen, der auf dem Weg nach Itzehoe war – kurz vor der Stadt soll er mit einem einzigen Tritt den ganzen Bullenberg zusammengeschoben haben.
Der Sage nach herrschte einst eine böse Königin namens die Swarte (Schwarze) Margret über Dänemark. Sie belagerte Itzehoe und wollte am 8. September einen Wall und eine Brücke quer durch die Stör legen, um die Stadt zu fluten. Doch an genau diesem Tag stieg die Flut so hoch, dass Wall und Brücke zerbrachen. Die Bürger feierten den Tag seitdem als „Borgerdag" – die Sage führt darauf den bis heute gefeierten Itzehoer Herbstmarkt zurück. Hinter der Sagengestalt vermutet man Königin Margarethe Sambiria von Dänemark (13. Jahrhundert).
Der Sage nach konnte der böhmische Feldherr Wallenstein Schloss Breitenburg im Dreißigjährigen Krieg nur einnehmen, weil eine Frau ihm einen geheimen unterirdischen Gang verriet.
Krempe wurde ab 1535 unter dem dänischen König Christian III. stark befestigt und war um 1600 nach Rendsburg die zweitgrößte Festung im Herzogtum Holstein. Im Dreißigjährigen Krieg erwiesen sich die Befestigungen als nicht stark genug: Am 14. November 1628 eroberten die Truppen Wallensteins die Stadt nach monatelanger Belagerung.
Um 1150 kamen holländische Siedler in die Wilstermarsch, die im Deichbau und in der Landentwässerung erfahren waren – sie machten das sumpfige Land urbar. Die Deiche wurden über Jahrhunderte immer wieder erhöht; dokumentierte Deichbrüche gab es unter anderem 1751, 1756, 1791 und 1825.
1622 fand in Wilster ein dokumentierter Hexenprozess statt – einer von vielen im damaligen Herzogtum Holstein, in einer Zeit, in der Aberglaube weit verbreitet war und Menschen deswegen angeklagt und hingerichtet wurden. Der Förderverein Historische Rathäuser Wilster hat den Fall aufgearbeitet, dazu gibt es die Dokumentation „Das letzte Feuer".
Der Sage nach lag das alte Wilster weiter nördlich an einem Arm der Wilsterau und ging bei einer großen Sturmflut unter. Tatsächlich wurde im 15. Jahrhundert der Lauf der Au begradigt – eine lange Flussschleife wurde durchstochen, der alte, abgeschnittene Flusslauf heißt bis heute „Alte Wilster". Vermutlich geht die Sage auf diese reale Umgestaltung zurück.
Der Sage nach hing im Turm der Kremper Kirche eine besonders klangvolle Glocke namens Maria. Beim Guss soll ein Lehrling heimlich einen Tiegel geschmolzenes Silber in die Gussmasse gegeben haben, damit die Glocke schöner klinge – der Meister erschlug ihn im Zorn, als er den leeren Tiegel entdeckte. Als die Kirche später im Krieg zerstört wurde, fand sich von der Glocke keine Spur mehr.
Im Dezember 1813 belagerten schwedische, preußische und englische Truppen Glückstadt, die letzte verbliebene Festung Dänemarks in der Region. Am 26. Dezember 1813 begann der Artilleriebeschuss, am 5. Januar 1814 die Kapitulation. In der Altstadt sind bis heute Kanonenkugeln als Erinnerung in Hausfassaden eingemauert; Anfang des 20. Jahrhunderts kam das Kugeldenkmal dazu.
1763 brachte der wandernde Fayence-Maler Sebastian Heinrich Kirch (1711–1768) die Technik der Fayence-Herstellung nach Kellinghusen. Am 13. Juli 1764 wurde die erste Manufaktur gegründet, ein Jahr später erteilte der dänische König das Privileg dafür. Zwischen 1764 und 1860 siedelten sich sechs Fayencemanufakturen in der kleinen Stadt an – guter Ton und dichte Eichenwälder als Brennstoff machten Kellinghusen zum idealen Standort.